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Autorenforum: "Nubien, mein ertrunkenes Land"

von Hans Mauritz (Dezember 2013)

illustriert von Claudia Ali

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„Horus“, die Zeitschrift der Egyptair, berichtet in ihrer Ausgabe vom November 2013 über den Hochdamm von Assuan, der nach 10jährigem Bau im Jahre 1971 eröffnet wurde. Er wird als Jahrhundertwerk gepriesen und in seiner Bedeutung verglichen mit den Tempeln der Pharaonen und dem Bau des Suezkanals. Dann wird daran erinnert, dass man Jahre vor der Überflutung, welche das Land der Nubier in einen etwa 550 km langen Stausee verwandeln sollte, ein anderes, nie dagewesenes Projekt realisiert hat: Nach einer von der UNESCO lancierten internationalen Kampagne werden die Tempel von Abu Simbel, von Philae und andere demontiert und an höher gelegenen Orten wieder aufgebaut. Nachdem der Verfasser diese Rettungsaktion gewürdigt hat, vermerkt er in einem einzigen Satz, dass „über 90.000 Nubier umgesiedelt werden mussten“.

Landschaft am Nasser-See, (c) Elisabeth Hartung

Im Katalog des Nubischen Museums von Assuan, dessen Bau durch eine 1982 angelaufene internationale Kampagne finanziert wurde, endet ein Überblick über die Geschichte Nubiens mit der Rettung der nubischen Altertümer. „So werden die Tempel von Philae, von Abou Simbel und die übrigen nubischen Tempel gerettet; dann wird Altnubien von den Fluten des Sees überschwemmt und seine Bewohner wandern, am Ende einer ruhmreichen Geschichte, in Richtung Norden nach Kôm Ombo aus.“ Dass es sich um die Zwangsdeportation eines ganzen Volkes handelt und diese Umsiedlung mit schweren sozialen, wirtschaftlichen, familiären und psychischen Problemen einhergeht, bleibt in beiden Texten unerwähnt. „Kein (mit diesem Aufruf zur Rettung der Tempel) vergleichbarer Appell wurde lanciert, weder um dem nubischen Volk diesen Verlust zu ersparen, noch um seine Kultur aufzuzeichnen, bevor sie von der Flut weggespült wurde.“ (1)

Ebenso wird verschwiegen, dass diese zwischen Herbst 1963 und Frühjahr 1964 erfolgte Umsiedlung nicht die erste Zwangsmassnahme war, die den Nubiern zugemutet wurde. Schon Ende des 19. Jahrhunderts war bei Assuan ein Staudamm errichtet worden, der dann in drei Etappen - 1903, 1912 und 1933 - aufgeschüttet wurde. Dadurch wurde das Nilwasser zunächst 100 km, dann 150 und schließlich 290 km weit in den Süden hinein gestaut. Am Ende stand praktisch im ganzen ägyptischen Nubien, das von Assuan bis zur sudanesischen Grenze reichte, das fruchtbarste Land unter Wasser. Den Bauern blieben drei Sommermonate zur Landwirtschaft, was gerade noch für den Anbau von Viehfutter und Melonen reichte. Schon damals ging der technische Fortschritt einher mit Umsiedlung und Emigration. Jene Nubier, die in ihrer Heimat blieben, mussten sich statt der überfluteten Häuser in an den sandigen Hängen der Wüstenhügel gelegenen niederlassen. Die Klügsten kauften sich Land im oberägyptischen Gebiet nördlich von Assuan. Vielen aber blieb nichts übrig als die Emigration in die grossen Städte des Nordens. Nubien war seit eh und je ein armes Land gewesen, das viele seiner Söhne verlassen mussten. Sie arbeiteten vor allem als Hauspersonal, Türhüter, Köche und Dienstboten und waren bei der ägyptischen Oberschicht und bei den in Kairo und Alexandria lebenden Ausländern wegen ihrer Zuverlässigkeit und Sauberkeit beliebt. Der fortschreitende Landverlust und die zunehmende Armut vermehren nun die Zahl dieser Wanderarbeiter. In den nubischen Dörfern bleiben vor allem Frauen und Kinder zurück. Viele Frauen sind Witwen oder Geschiedene, die meisten der verbliebenen Männer Alte und physisch oder psychisch Kranke. „Das nubische Dorf ist folglich eine Art Zufluchtsort geworden für die Männer und Frauen, welche im Hinblick auf das Leben in der Stadt sozial und ökonomisch marginal geworden sind.“ (2) Die Familien in den Dörfern sind angewiesen auf die Geldüberweisungen der Emigranten, die nur selten die mühsame Reise auf sich nehmen, um Frau und Kinder zu besuchen. Mit der Verschärfung der Probleme und dann mit der völligen Überflutung des Landes wird aus der zeitweiligen Emigration der Männer die definitive Umsiedlung ganzer Familien und Dörfer.

Haggag OddoulUm diese menschliche Tragödie, die Zerstörung und den Untergang des traditionellen Lebens im alten Nubien und die Situation der Umgesiedelten in „Neunubien“ aufzuzeigen, betrachten wir fünf Erzählungen des Schriftstellers Haggag Oddoul (arabisch: حجاج أدّول), auch Haggag Hassan Oddoul. Er wurde 1944 in Alexandria geboren als Sohn einer nubischen Familie, die ihr verarmtes Dorf verlassen hatte. Das Migrantenkind hat trotzdem den Kontakt zur Heimat seiner Eltern und das Bewusstsein seiner „Nubianität“ bewahrt. Zwischen 1963 und 1967 arbeitet er als Bauarbeiter am Hochdamm und beginnt als 40jähriger zu schreiben. Oddoul hat ein recht umfangreiches Werk geschaffen, das mehr als ein Dutzend Romane und Novellensammlungen und mehrere Theaterstücke umfasst. Heute gehört er zu den bekanntesten Autoren der ägyptischen Literatur. Zwei seiner Bücher wurden ins Englische übersetzt (3). Deutsche Übersetzungen liegen bisher nicht vor.

Haggag Oddoul, (c) von seiner Facebookseite

Haggag Oddoul ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein Kämpfer für die Rechte seines Volkes (4), der sich an Nelson Mandela und Martin Luther King orientiert. Er schreckt dabei vor extremen Positionen nicht zurück. So verurteilt er im Jahre 2005 an einem koptischen Kongress in Washington das Versagen der ägyptischen Regierung, ihr Minderheitenproblem zu lösen. Den umgesiedelten Nubiern habe sie ausreichendes Land zur landwirtschaftlichen Nutzung versprochen, ihnen aber in Wirklichkeit unfruchtbaren Boden übergeben und enge Reihenhäuser, die nicht ihrer traditionellen Bauweise entsprechen: In Altnubien lebten sie in geräumigen, kühlen Häusern aus gebranntem Lehm mit Gewölbedächern und grossem Innenhof, eine Bauweise, die über Nubien hinaus bekannt wurde, weil sich der Architekt Hassan Fathy von ihr inspirieren liess (5). Haggag Oddoul geht so weit, die Umsiedlung seiner Landsleute mit der Vertreibung der Palästinenser zu vergleichen und von „ethnischer Säuberung“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zu reden. Man beschuldigte ihn daraufhin, Verräter und Separatist zu sein und den nationalen Interessen zu schaden. Der alexandrinische Schriftstellerverband verlangte seinen Ausschluss. Oddoul aber beharrt auf seiner Forderung nach Rückkehr der Nubier. In einem Appell an Präsident Mubarak hat er verlangt, an den Ufern des Nasser-Sees 40.000 Hektar Land an 10.000 nubische Familien zu verteilen, damit sie dort ihre Heimat wieder aufbauen: „Unsere Künste, unser Tanz, unsere Werte sind am Verschwinden. Um unseren Charakter zu bewahren, brauchen wir die Präsenz an einem Ort, und dieser Ort ist Nubien.(6)

Farid Fadel: Nubian Dance, Oil on Canvas, (c) Farid Fadel

Nubisches Haus in Assuan, (c) Claudia Ali

Die Revolution vom Januar 2011 hat Oddoul und andere Aktivisten ermutigt, ihren Forderungen stärkeren Nachdruck zu verleihen. Die nubischen Clubs und Kulturzentren in den grossen Städten Ägyptens, vor der Revolution von der Regierungspartei kontrolliert, organisieren nun Kurse in nubischer Sprache für die Emigranten der zweiten und dritten Generation und Seminare über Geschichte und Zivilisation des nubischen Volkes. „Ich habe eine nubische und eine ägyptische Identität“, sagt ein junger Revolutionär, „es gibt da überhaupt keinen Widerspruch“. Genauso betont Oddoul: „Eine Nation ist wie ein Körper aus verschiedenen Teilen. Diese Idee der Diversität steht allerdings in Widerspruch zu einer diktatorischen Mentalität.(7) Die Revolution verhilft dem Schriftsteller zu neuen Aktivitäten: Er wird in den Rat der 50 „Weisen“ berufen, der eine ägyptische Verfassung ausarbeitet und seinen Entwurf im Dezember 2013 vorlegt. Für den folgenden Satz darin dürfte wohl Oddoul verantwortlich sein: „Der Staat verpflichtet sich, die Nubier, soweit sie dies wünschen, in ihren Ursprungsgebieten wieder anzusiedeln, ihre lokalen Kulturen zu unterstützen und sie als Bestandteil der nationalen Kultur zu schützen.“ (übersetzt aus: Al-Ahrâm Hebdo vom 04.11.2013)

Haggag Hassan Oddoul: Nights of Musk - Stories from Old NubiaVon den Erzählungen, die wir hier vorstellen, spielen nur zwei in der Zeit vor der Überflutung des Landes und dem späteren „Ertrinken“ der Dörfer auf dem Grund des Nasser-Sees. Während seine junge Gemahlin in den Wehen liegt, erinnert sich Ibn Zibeyda an sein Hochzeitsfest und an das traditionelle Leben im alten Nubien. Dass es sich bei seiner Erzählung um die nostalgische Evokation vergangenen Glückes handelt, erfährt der Leser aus dem Titel der Erzählung, „Altnubische Moschusnächte(8), und aus dem ersten Satz des Textes: „Vor langer, langer Zeit, südlich der Stromschnellen, strömten die Nächte den Duft von Weihrauch und Moschus aus.“ In einer lyrisch gefärbten Prosa preist der Erzähler den grünen Streifen an den Ufern des Nils, den lauteren Himmel und die belebende Luft. Immer wieder erwähnt er den Nil, seine „himmlische Majestät“, seine Magie und seine reinigende Kraft. Dieser Fluss nimmt im Leben und Denken der Nubier einen zentralen Platz ein. Als eine Journalistin ihn um einen prägnanten Titel für ihr Interview bittet, sagt Haggag Oddoul: „Schreiben Sie: Ich bin der Nil(9). Vor der Morgendämmerung baden die Neuverwählten in seinem „reinen, heiligen Wasser“, welches den Quellen des Paradieses entspringt. Das Wasser dringt durch die Poren in Mark und Bein und bis in die Gebärmutter der Braut, um dort den „winzig kleinen Beginn“ zu segnen und zu schützen. Der Text verherrlicht auch die Schönheit der dunklen Menschen und die Stärke ihres Charakters: „Dunkle Gesichter, reine Augen, weisse Zähne und ein weisses Gewissen. Unsere Farben sind elementar und klar abgegrenzt. Wir wissen nichts von verdrehten Wörtern und halben Massnahmen.“ Ibn Zibeydas Erzählung wird strukturiert durch die lautmalerisch wiedergegebenen Geräusche des Lebens: Schreien und Wehklagen, Trommeln und klatschende Hände, die Hufe des Esels, das Plätschern der Wellen, das Rascheln der Ähren und der Blätter.

Farid Fadel: Nubian Bride, Oil on Canvas, (c) Farid Fadel

Farid Fadel: Portrait of a Nubian Young Man, Oil on Canvas, (c) Farid Fadel

Einen grossen Teil des Textes nimmt die Schilderung der berühmten nubischen Hochzeitsfeiern ein: „Kein Nubier auf der Welt würde eine Hochzeit verpassen“, denn „wir haben Tanzen und Singen im Blut“. Das ganze Dorf nimmt teil, Männer, Frauen und Kinder, die Alten und sogar die Kranken. Damit nicht genug: „Die Seelen unserer Vorfahren schauen zufrieden vom Friedhof aus zu, und wenn der Tanz wilder wird, steigen sie herunter und mischen sich unter uns, aus lauter Sehnsucht, wieder unter uns zu sein.“ Die Festfreude springt sogar über auf die nichtmenschliche Welt. Im traditionellen Glauben der Nubier ist der Nil bevölkert von Flusswesen, die in seinen Tiefen wohnen. Musik und Tanz lassen sie heraufsteigen, und die Menschen rufen ihnen zu: „Willkommen, amon nutto, du Volk des Flusses.“ Das Trommeln und rhythmische Klatschen weckt sogar „das Volk der Unterwelt“, das von tief unter den Bergen hervorschiesst, wie die Explosion teuflischer Granaten. Auch diese Dämonen begleiten Tanz und Gesang mit ihrem boshaften Spuk. Am Ende der Erzählung kommt die kleine Tochter des Erzählers auf die Welt, und ihr Vater nutzt die Anwesenheit seines Neffen, um die beiden Kinder symbolisch zu vermählen. Das neugeborene Mädchen wird später ihrerseits schwanger werden und eine Tochter gebären, der sie den Namen ihrer Schwiegermutter gibt. Viele von Oddouls Geschichten haben diese zyklische Struktur. Wir nehmen teil an einer Wiederkehr des Gleichen, an der Folge der Generationen, in welcher die Jungen die Namen der Alten und Verstorbenen tragen und deren Leben fortsetzen und erneuern.

Nubische Musikanten, (c) Matthias Kündig

Margo Veillon: Nubia - Sketches, Notes  and PhotographsDie Evokation des traditionellen Lebens in einer noch heilen Welt mag nostalgisch verklärt sein. Dass selbst Aussenstehende das Leben im alten Nubien ähnlich erleben, zeigen die Tagebücher, Skizzen und Fotografien von Margo Veillon (10), die zwischen 1936 und 1962 das Land bereist hat, das letzte Mal im Bewusstsein, dass alles, was sie sieht, bald verschwinden wird. „Nubien, ein zum Sterben verurteiltes Land“, ein Paradies, das bald verloren geht, fasziniert sie durch die geradezu beklemmende Schönheit seiner Landschaften, das Spiel des Lichtes und der Farben, die Schönheit seiner Frauen, ihrer bunten Gewänder, ihrer Haartracht und ihres Schmuckes, durch das Kunsthandwerk - geflochtene Körbe, Töpferei und die bunten Kappen der Männer - und die Dekoration der nubischen Häuser, deren Fassaden und Wände mit geometrischen Zeichnungen verziert sind: „Man könnte eine Ewigkeit damit verbringen, diese Zeichnungen zu studieren.“ Wenn sie die Schwärme der Vögel betrachtet, seufzt Margo Veillon: „Mein Gott, wenn nur die Welt noch einmal neu erschaffen würde, mit anderen Geschöpfen als den grausamen Menschen.“ Solche Menschen – Touristen, Stadtbewohner und „europäisierte Nubier“ - sieht sie auf Booten vorbeifahren und ärgert sich über deren geschmacklose und dumme Kommentare.

Nubische Korbflechtkunst im Nubischen Museum Assuan, (c) Fredi Zahn

Wenn in den „Moschusnächten“ vom Flussvolk und vom Volk der Unterwelt die Rede war, so liefert eine zweite Erzählung zusätzliche Informationen. Wie die meisten Geschichten Haggag Oddouls wird auch „Zeinab Uburty(11) von einem Erzähler vorgetragen, von Hula, einem uralten Mann, der das Geschehen als Kind miterlebt hat. Oddouls Geschichten sind nahe bei der mündlichen Tradition. Nubisch ist eine nicht geschriebene Sprache mit einer rein oralen Überlieferung. In den Schulen wird Nubisch nicht gelehrt. Die Forderungen, nubische Kinder nicht nur in Arabisch, sondern auch in Nubisch zu unterrichten, blieben bisher erfolglos. Es gibt freilich Forscher, die nubische Texte in lateinischer oder arabischer Schrift aufgezeichnet haben. Christa Laila Meryam hat in dreijähriger Arbeit nubische Lieder gesammelt, ihre Texte niedergeschrieben und ins Arabische, Englische und Deutsche übersetzt (12). Dass alles, was hier über Altnubien berichtet wird, längst vergangen ist, wird deutlich durch die Erzählweise des Alten, der seine jungen Zuhörer beschimpft und die dekadente Gegenwart an der guten alten Vergangenheit misst: „Damals war die Welt noch wirklich eine Welt. Die Pflanzen waren grüner und die Datteln wie Finger aus Zucker. Das Fleisch schmeckte köstlicher, und die Menschen verstanden mehr. In jenen Tagen war Sex wirklich noch Sex.“ Die Jungen nennt er „Hundesöhne, Generation einer erlahmten Zeit“ und wirft ihnen vor, die Alten nicht mehr zu achten und die Sprache zu entstellen, weil sie Wörter arabisch aussprechen und nicht mehr nubisch, wie es sich gehört.

Zu Beginn seiner Erzählung erläutert der alte Hula, wie im nubischen Volksglauben die Welt der Menschen und Geister beschaffen ist. Alles Lebende ist in drei Kategorien eingeteilt: 1. die Menschen, al-adamîr, d.h. die Söhne Adams, 2. die Wesen, die auf dem Grund des Flusses leben, und 3. die Dämonen, die „Volk der Strömung“ heissen. So wie es unter den Menschen gute und böse „Söhne Adels und Kains“ gibt, teilt man die Nilgeister in gute und böse ein. Die Guten heissen „Leute des Flusses“, auf arabisch ناس النهر amon al-nahr, auf nubisch amon nutto; die anderen auf nubisch amon dugur, auf arabisch قبيحو النهر qabîhu al-nahr, d.h. die hässlichen, gemeinen, widerwärtigen Wesen des Flusses. Beide Völker lassen sich an ihrem Äußeren erkennen: Die Guten haben Köpfe mit Kiemen, weite Augen und winzige Mäuler, die sich sanft öffnen und schließen und dabei den Allmächtigen loben. Die Üblen haben knollenförmige Köpfe mit Augen, die wie enge vertikale Schlitze sind, und widerliche Mäuler mit messerscharfen Reisszähnen. Die guten Flussgeister werden auch „Engel des Nils“, ملائكة البحر = mala‘ika al-bahr, genannt, weil man dazu neigt, Heidnisches und Islamisches zu vermengen (13). Ihr Kult wird fast ausschließlich von Frauen praktiziert, vor allem unverheirateten, kinderlosen, geschiedenen oder kranken, die sich von ihnen Hilfe erhoffen. Im Unterschied zu den Dämonen, die „gottlose Heiden und wirklich böse sind“, ist das üble Tun der amon dugur begrenzt: „Sie fügen ein, zwei Söhnen Adams alle paar Jahre Schaden zu, indem sie sie ertränken und in ihre Wasserwelt hinunterholen oder den Mantel geistiger Verwirrung über sie werfen, so dass sie zu Idioten werden. Manchmal stibitzen sie Gold von den Handgelenken der Frauen, aber nur selten entführen sie schöne Mädchen, und wenn sie das tun, behalten sie sie nie länger als ein paar Tage.“

Farid Fadel: Nubian Women, (c) Farid Fadel

Die Geschichte, die Hula nun erzählt, handelt von der dritten Art von Lebewesen, den Dämonen. Diese vermögen uns zu sehen, wir sie aber nicht. Ihrer Macht wären wir hilflos ausgeliefert, hätte nicht Gott, um uns zu schützen, eine Barriere aufgerichtet zwischen uns und ihnen. Diese können die bösen Geister nur durchbrechen, wenn ein Mensch ein Zauberbuch benutzt, um Unheil anzurichten unter Seinesgleichen. Genau dies tut Zeinab Uburty, eine potthässliche, von Neid und Hass zerfressene Frau. Die Folge dieses Zaubers ist, dass Menschen, Tiere, Pflanzen und Flusswesen von schrecklichen Plagen heimgesucht werden, eine Katastrophe, die das ganze Universum erfasst, weil sie den normalen Ablauf der Jahreszeiten stört. Erst quält die Nubier ein entsetzlich kalter Winter, der das Wasser des Nils gefrieren lässt, danach setzt im Frühling sengende Hitze ein, welche die Berge so erschaudern lässt, dass flammende Felsen in den Nil herabstürzen. Zeinab Uburty, deren Neid sich vor allem gegen die sexuellen Freuden richtet, die ihr selbst versagt sind, hat mit Hilfe des Teufels die Männer mit Impotenz (ربط الذكران = rabt al-zukrân, „Bindung der Männer") geschlagen. Das ganze Dorf fällt der Verzweiflung anheim, Misstrauen und Hass machen sich breit, Söhne bringen ihre Väter und Mütter ihre Kinder um. Die Männer können nicht mehr mit ihren Heldentaten, die Frauen nicht mehr mit der Performance ihrer Männer prahlen. Was schlimmer ist: Der den Nubiern so wichtige Strom der Generationen droht zu versiegen.

Nubische Frauenfiguren im Nubischen Museum Assuan, (c) Fredi Zahn

Zeinab Uburty gelangt mit Hilfe des Teufels Kakoky zu Geld, kostbaren Kleidern und einem von Dämonen erbauten Schloss. Das wahre Glück aber bleibt ihr versagt. Ihr eigentliches Streben galt nicht dem Reichtum, sondern der Liebe eines Mannes, aber dazu ist niemand bereit. An ihr erfüllt sich das Gesetz derer, die sich mit dem „Volk der Strömung“ einlassen: „wer die Barriere durchbricht, trinkt den bitteren Kelch der Verzweiflung und lebt den Rest seines Lebens einsam und ausgestossen, (…) bevor er eines grauenvollen und schändlichen Todes stirbt.“ Zeinab wird von den Männern des Dorfes gejagt und am Ende von einer scheusslichen Bestie zerfleischt. Die Dörfler genießen wieder die Freuden der Wollust und das Universum folgt wieder seinen Gesetzen. Zeinab ist beseitigt, aber das Zauberbuch wird nie gefunden. Der polternde Erzähler lässt es sich nicht nehmen, seine Zuhörer ein letztes Mal zu beschimpfen: „Ich frage mich, ob nicht einer von euch Jungen eines Tages auf die Idee kommt, auf die andere Seite zu wechseln und einen Pakt zu schließen mit dem Teufel Kakoky.“

Mit den „Moschusnächten“ teilt eine andere Erzählung, „Die Reise zu den Flussleuten(14), die zyklische Struktur: Zwei Frauen aus verschiedenen Generationen sehen sich täuschend ähnlich, tragen denselben Namen und beschließen beide, die Welt der Lebenden zu verlassen und zu den Geistern in der Tiefe des Nils zu fliehen. Die enge Beziehung zu den Flussgeistern führt dazu, dass die kleine Asha einem Fischer seinen Fang entwendet, um die Fische zurückzuwerfen in den Nil. Fische und Flussgeister gehören zusammen. „Für uns sind die Fische des Nils unsere Doppelgänger“, sagt Haggag Oddoul, „wir essen keinen Fisch.“ (15) Der Fischer wird hart bestraft, denn seine Tochter kommt mit einer Hasenscharte auf die Welt. Im Gegensatz zur Welt des Wassers und seiner Bewohner steht die Welt der Dorfbewohner, welche die Flut vom Ufer vertrieben hat. Die mehrmalige Aufschüttung des Staudamms hat das Leben der Nubier empfindlich beeinträchtigt. Die Menschen im Dorf leben in ständiger Furcht vor der Zukunft, die sie endgültig vertreiben wird. Asha, die Hauptfigur der Erzählung, ist im selben Jahr geboren, in dem der Staudamm errichtet wurde, und dieser Damm „hat unser Tal verseucht“, den Lebensstrom des Wassers blockiert, das halbe Land ertränkt und „die Zeit des Friedens und der Reinheit zerstört. Wir zogen aus, ließen unsere kühlen, geräumigen Häuser hinter uns, tauschten sie ein gegen schwüle, die an der Flanke des Berges angeklammert hängen wie Karbunkel. Wir drängten uns an die Skorpione und sie an uns. Wir verjagten die Schlangen, und sie kamen zurück. Das Heulen des Wolfes drang als Echo in unsere Ohren: Hütet euch, ihr seid zu nahe an meinem Territorium. Wir ertranken im dunklen Gelb des Gebirges.“ Ashras Leben wird noch mehr getrübt durch die Emigration der Männer, die im Norden die Livree von Dienern tragen, salziges Wasser trinken, ihre Verlobte im Dorf vergessen und die „angemalten Frauen des Nordens“ heiraten.

Nubisches Haus in Assuan, (c) Claudia Ali

Ashras Schicksal ist vorgeprägt durch jenes ihrer Großmutter, die so verliebt war in die Geister des Nils, dass sie zu ihnen geflüchtet ist. Vergebens hat ihre Familie sie eingesperrt, sie schlägt alle Warnungen in den Wind und beteuert: „Die Flusswesen sind friedliebend“, „der Sand auf dem Grund ist weich und kühl“, unbefleckt von Wölfen, Skorpionen und Vipern, „eines Tages wird die Wasseroberfläche durchscheinend sein (…) und ich werde die guten Dinge und Leute sehen, die in seiner Tiefe verborgen sind.“ Bei der Geburt der Enkelin staunen die Dorfbewohner: Sie ist das genaue Ebenbild der Verschwundenen und erhält zu Recht deren Namen. Als sie heranwächst, wird sie bewundert und begehrt, aber sie hat nur Augen für Siyâm, den sie seit den Kindertagen liebt. Er verlobt sich mit ihr und sucht wie andere Männer sein Glück im Norden. In den seltenen Briefen, die er schickt, verspricht er, bald heimzukommen. Im Dorf gibt es einen Wahrsager, Klow To, das „Brunnenkind“. Er ist geistig verwirrt, weil der „Wächter des Brunnens“, eines der bösartigen Wasserwesen, seinen Geist getreift hat, als er als Kind hineingestürzt ist. Klo To, der die Zukunft vorauszusagen vermag, bringt allen Mädchen gute Nachricht, allein Ashra wartet vergeblich. Als eines Tages die Nachricht von Siyâms Rückkehr eintrifft, kommt es zur Katastrophe: Der Geliebte, der krank auf einer Trage liegt, kommt beim Kentern des Schiffes ums Leben. Seine Krankheit und sein Tod haben den Charakter einer Strafe: Er hat sich dem Alkohol und schamlosen Frauen verschrieben, wurde von der Stadt verdorben und hat nicht mehr gefastet, eine Sünde, die besonders schlimm ist, wenn man Siyâm (صيام), Fasten, heisst. Obwohl man Asha einsperrt, wie man es einst mit ihrer Großmutter tat, gelingt ihr die Flucht ans Ufer des Nils. Sie kann nicht glauben, dass Siyâm, der kühne Schwimmer, ertrunken ist. Vielmehr hat er wohl die Misere seiner Heimat erkannt und sich zu den Flussleuten geflüchtet. Ashra hört, wie die Flussgeister, ihre Großmutter und Siyâm sie rufen, legt sich ihren Brautschmuck an und taucht hinunter zu den Flussgeistern, die singend und tanzend ihre Hochzeit feiern. Ashas Ertrinken lässt sich deuten als Metapher für das Ertrinken ihres Landes.

Der Nil, (c) Claudia Ali

Ein wichtiges Motiv in dieser Geschichte ist die Feindseligkeit zwischen den Nubiern und den Ägyptern aus dem Norden. Das Wasser des Nils ist im Süden süß und gesund, das Wasser im Norden ist salzig und macht krank. Die Frauen dort sind schamlos und falsch. Der Nubier, der in den Norden zieht, verliert seine Identität. Als der Sohn des Bürgermeisters emigriert und „ein Mädchen vom Meer“ heiratet, verleugnet der Vater seinen Sohn. Als dieser Jahre später auf Besuch kommt, spottet Asha darüber, dass er „den edlen Turban und die nubische Kappe eingetauscht hat gegen einen Fez, rot wie der Hintern eines Affen. Schau mal, wie du auf dem Sand herumstolzierst. Du bist weder einer aus dem Norden noch einer aus dem Süden, nicht mehr einer von uns und keiner von ihnen.“ Als Ashra und andere Mädchen aus dem Dorf bei einer Wallfahrt am Tempel von Abu Simbel vorbeikommen, besingen sie die Schönheit der Nefertari, der Prinzessin aus dem Süden. „Aber für die vier Statuen des Ramses, des mächtigen Eroberers aus dem Norden, sangen wir nicht. Wir schauten schweigend und missbilligend zu ihm hin." Vom Stolz und der Arroganz der Nubier und ihrem distanzierten Verhältnis zu anderen Ägyptern werden wir in den folgenden Geschichten hören.

Tempel der Nefertari in Abu Simbel, (c) Clauia Ali

Ein noch düsteres Bild des nubischen Lebens in den Jahrzehnten nach der Errichtung des Assuan-Staudamms liefert der kurze Roman „Mein Onkel ist schwanger(16). Zwar fahren ein paar Bauern fort, den verbliebenen mageren Boden zu bestellen. Unter Leitung des Dorflehrers hat sich eine Kooperative gebildet, die Brunnen aushebt und fruchtbaren Schwemmsand an höher gelegene Landparzellen transportiert. Die übrige Bevölkerung aber bietet ein klägliches und äußerst lächerliches Bild. Dies trifft vor allem auf den Bürgermeister, den Hofstaat seiner Notabeln und die ihn umgebenden Schmarotzer zu. Sie verbringen ihre Tage mit Ess- und Trinkgelagen und geben sich dem Rauschgift hin. Die Entschädigung, welche die Regierung für das überschwemmte Land gewährt hat, geben sie für unnütze Dinge aus, die ihrem Prestige, nicht aber der Zukunft ihres Dorfes dienen. Sie tun alles, um die Probleme des Dorfes zu vergessen und ihre Hoffnungslosigkeit zu überspielen. „Unser Land ist überflutet und unsere Hoffnungen mit ihm. (…) Berauschen wir uns an Drogen, um unser Leid zu vergessen.“ Da können die mahnenden Worte des Lehrers nichts mehr ausrichten: „Die wahre Überflutung ist nicht die des Landes, Leute, es ist die Überflutung des Willens zu leben (…) kehren wir zur Arbeit zurück, denn Arbeit bedeutet Hoffnung.“ Was jedoch der Lehrer und seine Equipe nicht ahnen können: Ihre ganze Mühe ist umsonst, denn die neuen Häuser am Hang, der Brunnen und das urbar gemachte Land werden eine Generation später im Nasser-See versinken.

Farid Fadel: Wadi el-Sebua under Water, Watercolors, (c) Farid Fadel

Dass die nubische Welt aus den Fugen geraten ist, zeigt Haggag Oddoul an sonderbaren Figuren und absurden Geschehnissen. Eines Morgens kommt ein kleines Mädchen zur Mutter gelaufen und schreit: „Mein Onkel Ingîla ist schwanger!“ Dieser Ingîla ist ein schlaffer, feminin und effeminiert wirkender Typ, dem die Dörfler deshalb einen weiblichen Spitznamen gegeben haben. Die Frauen des Dorfes beneiden ihn um seine helle Haut. Wohl deshalb liebt er es, sich halb nackt zu zeigen. Er zieht seine Galabiyya so hoch hinauf, dass man seinen leichten Slip bewundern kann, der ganz und gar nicht den nubischen Kleidervorschriften entspricht. Ingîla geniesst im Dorf einen sehr schlechten Ruf, denn man vermutet, dass er es mit Männern treibt. Diesen Mann, „halb Mann, halb Frau“, hat man verheiratet mit einer Frau, die selbst ein halber Mann ist. Nakhla ist hochaufgeschossen und hager. Da ihre Haare spröde und störrisch sind wie Palmzweige und ihr Körper, so munkelt man, wie der einer Palme mit Schuppen bedeckt ist, hat man ihr diesen Spitznamen gegeben (nakhla نخلة ist das arabische Wort für Palme). Wenn sie einen Bart oder Schnurrbart trüge, so sagt man, sei sie das genaue Ebenbild ihres Vaters.

Haggag Oddoul: My Uncle is in Labor Die Geschichte wird noch komischer, weil nicht nur die Dorfbewohner an die Schwangerschaft glauben, sondern auch der Betroffene selbst das Schlimmste zu fürchten beginnt. Bald kursiert im Dorf die Frage: Wenn Ingîla schwanger ist, wer ist dann der Vater des Kindes? Vermutungen werden geäußert, und Verdächtigte versuchen, sich herauszureden. Das Thema Homosexualität, in der ägyptischen Literatur weitgehend tabu, darf fast nur in einem solchen Schwank behandelt werden (17). Für Nakhla liefert die Geschichte die willkommene Gelegenheit, ihren Mann zu erpressen. Sie verlangt die Hälfte der Einnahmen aus Ingîlas blühendem Haschischhandel. „Sonst müsste ich dein ungeborenes Kind verleugnen, denn ich bin weder sein Vater noch seine Mutter.“ Für die Frauen im Dorf ist alles dies Anlass zu deftigem Spass. Sie nehmen den Schwangeren in ihre Obhut, bereiten die Niederkunft vor, indem sie Wasser heissmachen und die Männer aus dem Zimmer weisen. Zu den Ausgestossenen gehört auch die Gattin des Gebärenden. Obwohl Ingîlas Wehen vermutlich nichts als die Folge seiner übermäßigen Essens sind (zwei Hühner, zwanzig Eier und vieles mehr), läuft am Abend wieder das kleine Mädchen durch das Dorf und verkündet: „Mein Onkel liegt in den Geburtswehen!“

Als ob dies alles nicht genug des Abstrusen und Schlüpfrigen wäre, tritt eine weitere komische Figur in der Geschichte auf. Der senile Tombîla, besessen von seinen sexuellen Trieben, hat es auf seine schöne junge Nachbarin abgesehen, obwohl diese auch von seinem Enkel umworben wird. Der Alte will die Braut erwerben mit dem Geld der staatlichen Entschädigung, aber das haben ihm seine Söhne abgenommen und versteckt, denn sie planen, im Norden neues Ackerland zu kaufen. Dies ist das Klügste, was nubische Bauern tun könnten, denn Jahrzehnte später wird ihr Dorf auf dem Grund des Nasser-Sees verschwinden. Als er erkennt, dass die Nachbarstochter ihm versagt ist, rennt der geile Alte verzweifelt durch das Dorf und trifft auf den leichtgeschürzten Ingîla mit seiner rosigen Haut und seiner verlockenden Leibesfülle: „Du bist eine Frau und hast dies vor mir verborgen (…) Wieso suche ich eine Frau, wo du doch da bist! (…) Ich schwöre (…), dass ich dich nicht in Ruhe lasse, bevor ich zu meinem Recht komme!

Farid Fadel: Noon Time Visit, Oil on Canvas, (c) Farid Fadel

So sehr diese Geschichte den Leser amüsieren mag, so ernsthaft ist ihr Thema: Wir sind in einer verkehrten Welt, in der moralische Werte und gesellschaftliche Strukturen ausser Kraft sind, in der Männer und Frauen ihre Rollen tauschen und Greise sich wie Pubertierende verhalten. In dieser Welt hat der Schein das Sein ersetzt. Die Notabeln rivalisieren untereinander mit dem Besitz kostbarer Esel, die sie färben und parfümieren, auch wenn manche kaum wissen, womit sie ihren Haushalt bestreiten sollen. Ein Analphabet, der bei Fremden gedient hat, imponiert seinen Zuhörern mit dem englischen „th“ und mit dem Wort old-fashioned, das er akzentfrei ausspricht. Die Dörfler bewundern seine Bildung und schämen sich ihrer Ignoranz. „Dabei war er ganz einfach ein Großmaul.“ Der Bürgermeister, obwohl Analphabet, setzt zu Beginn jeder Sitzung die ausrangierte Lesebrille eines Fremden auf. Sie verleiht ihm Würde und Autorität, aber sie trübt auch seine Vision: „die Brille liess ihn Dinge sehen, die gar nicht existierten“. Es ist, als führe das Dorf einen Schwank, eine Schmierenkomödie, auf. Die Frauen amüsiert es, eine Rolle im Lustspiel um den schwangeren Onkel zu spielen. Und die Notabeln führen beim Besuch ihrer Kollegen aus andern Dörfern theatralische Begrüßungszeremonien auf: „Diese Gruppen empfingen einander mit Umarmungen und Küssen wie die Leute aus Gomorrha, dem Volk des Propheten Lot, Friede sei mit ihm, und verflucht seien seine Leute.“ Was Oddoul in dieser Erzählung veranschaulicht, fasst er in einem Interview so zusammen: „Einst waren wir Könige, jetzt sind wir Clowns.(18)

Wieder kommt der Antagonismus zwischen Nord und Süd, zwischen den Nubiern und allem, was nicht nubisch ist, zum Ausdruck. Der Großvater erzählt die Geschichte in einem langen Monolog seinem Enkel, der aus Alexandria angereist ist, begierig auf alles Kuriose, das im Land seiner Vorfahren geschieht. In dieser Figur hat sich wohl der Schriftsteller auf karikaturistische Weise selbst dargestellt. Immer wieder betont der Großvater, wie friedfertig die Nubier seien, die selbst im Streit kein Blut vergessen, wie dies die Saïdis, ihre nördlichen Nachbarn, tun. In nubischen Geschichten nehmen sich die Alten das Recht heraus, gegen ihre Enkel und die neue Zeit zu poltern: „Du bist nichts als ein ignoranter, dämlicher Enkel, der teils in den Städten des Nordens, teils in unserem Dorf herangewachsen ist, aber nirgendwo richtig erzogen wurde. (…) Du hast als Kellner in Alexandria gearbeitet, und als man dich gefeuert hat, bist du zu uns zurückgekehrt, hochmütig und arrogant, als kämest du von einem anderen Planeten (…) du halber Nubier und halber Alexandriner, ich weiss nicht, welcher deiner Teile schlimmer ist (…) du bist eine Mischung aus den Defekten des Nordens und des Südens, dir fehlt jegliche Identität.“

Farid Fadel: Nubian Woman, (c) Farid FadelDas Motiv der bedrohten Identität und der Zugehörigkeit zu zwei Welten, steht im Mittelpunkt einer Geschichte, die ebenfalls nicht ohne autobiografische Bezüge ist. Der junge Erzähler von „Leb wohl, Großmutter(19), Sohn eines nubischen Vaters und einer nicht-nubischen Mutter, wächst wie der Autor in Alexandria auf. Als seine Großmutter im Sterben liegt, kehrt er in das Dorf zurück, in dem er regelmäßig seine Ferien verbracht hat, und erinnert sich an sein schwieriges Verhältnis zur nubischen Großmutter. Für sie ist das Kind einer „gemischten“ Familie „ein halbes Maultier“, und bei seinem ersten Besuch empfängt sie ihn mit dem Satz „Du bist also Mohammed, der Sohn der Gorbatiyya“. Gorbaty, weiblich Gorbatiyya, d.h. Fremder, ist ein Schimpfwort für jeden, der nicht nubisch ist. Das Dorf bildet eine abgeschottete Gemeinschaft: „Unter uns gibt es keinen Fremden. Wir sind alle eine Sippe und Kinder eines einzigen Stammes.“ Die jahrhundertlange Isolation der Nubier hat sie stolz und arrogant gemacht. Ihr Kind an Fremde aus dem Norden zu verlieren, bedeutet Bedrohung ihrer Identität. Als die Großmutter erfährt, dass auch ihre Enkelin einen Gorbaty heiraten wird, bricht sie mitten auf einer Zugfahrt nach Alexandria in irres Klagegeschrei aus und erschreckt die Reisenden mit dem Trauertanz nubischer Frauen, deren Kind gestorben ist. Die Haltung der Großmutter erklärt sich durch das Elend ihrer Situation. Sie ist traumatisiert durch den Verlust der Heimat und der familiären Bande. Sie hat ihren Sohn, Mohammeds Vater, an eine Gorbatiyya verloren, und Awada, ihre Tochter, ist alte Jungfer geblieben, weil ihr Verlobter in den Norden zog und dort geheiratet hat.

Die Erzählung „Leb wohl Großmutter“ spielt nach der Überflutung Altnubiens im neuen Dorf, dem „Dorf des Exils“. Voller Wehmut und Wut spricht die Großmutter von der heilen Welt der Vergangenheit und der Misere der heutigen Existenz: „Warum haben sie uns an diesen dürren, gottvergessenen Ort verbannt? Wo ist unser altes Dorf? Wo unser Nil, unsere Palmen, unsere geräumigen Häuser, das Wasserrad und unsere Hochzeitsfeste voller Speis und Trank und dem Schlagen der Trommeln? Wo sind die Tage der Flut und die Tage der Ebbe? (…) Sie haben uns wie Gestrüpp an unseren Wurzeln ausgerissen. Unsere Söhne sind als Diener in die weite Welt gezogen (…) und uns haben sie hier ins Tal der Dämonen geworfen. Hier wächst nichts als Unkraut und bittere Früchte, die selbst die Tiere verschmähen (…) die Gorbatys haben uns umgebracht.

Dass diese Umsiedlung den Nubiern auch Fortschritt gebracht hat, vor allem, was medizinische Versorgung und Schulen angeht, sieht die Großmutter nicht. Die Kinder, die früher vor allem zur Koranschule gingen, besuchen heute staatliche Schulen. Von diesen „Errungenschaften“ ist in keiner von Oddouls Geschichten die Rede. Dem Argument, die neuen Häuser würden in Zukunft über Elektrizität und Abwasserleitungen verfügen, hält einer der Exilierten entgegen: „Wir wollen unsere Häuser modernisieren, aber nicht unsere Werte.(20)

Modell einer Schule im Nubischen Museum Assuan, (c) Claudia Ali

Die Arroganz und manchmal fast rassistische Feindseligkeit gilt auch umgekehrt: Als Mohammeds Mutter zum ersten Mal das nubische Dorf besucht, ist es, als lande sie unter Außerirdischen auf einem fremden Planeten. Mohammeds Schwester schaut mit Verachtung auf die hässliche schwarze Alte herab, die ihre Großmutter ist. Und das Arabisch der Großmutter, die Laute verwechselt und männliche und weibliche Pronomen durcheinanderbringt, erregt bei den Ägyptern aus dem Norden Heiterkeit: „Wenn ich mit meinen Freunden Nubisch spreche“, sagt Haggag Oddoul, „starren mich die Leute an und lachen. Auch wenn sie dies ohne böse Absicht tun, ist es immer noch Rassismus.“ (21). Die nubische Sprache wird als barbari, die Nubier werden als barâbra beschimpft: kulturell Zurückgebliebene, die fehlerhaft Arabisch sprechen.

Im Lauf der Zeit wenden sich in dieser Geschichte die Dinge zum Guten. Mohammed erkennt den weichen Kern hinter der rauen Schale der Großmutter. Er lernt Nubisch, fühlt sich im Dorf daheim und stimmt ein in die Klagen über Armut, Dürre und Exil. Beim Besuch der Großmutter in Alexandria kommt es zur Annäherung, als Mohammeds Mutter erkrankt und die Großmutter sie mit den Methoden der traditionellen Medizin heilt. Später verlobt sich Mohammed mit seiner Cousine aus dem Dorf. Wieder klingt das Motiv der Wiederkehr des Gleichen an: Das Leben von Awada, der kinderlos gebliebenen Tante, setzt sich im Schicksal der Nichte fort, die ihr täuschend ähnlich sieht. Dass Mohammed zu seinen Wurzeln zurückfindet, meint Rückgewinnung und Kontinuität der nubischen Kultur. Versöhnlich ist auch der Tod der Großmutter. Sie sieht die Verstorbenen, die sie empfangen, den Nil und ihr verlorenes Dorf. Dann stirbt sie ohne Bitterkeit. Das Gesicht der Toten gleicht einer pharaonischen Statue, den Blick gerichtet in die Ferne, jenseits unserer ephemeren Existenz.

Statue der Pharaonin Hatschepsut in ihrem Tempel in Deir el Bahari, (c) Claudia Ali

Die Nubier, heute etwa drei Millionen der 84 Millionen Ägypter, leben zum allergrößten Teil ausserhalb ihrer Stammlande. Befragungen kamen zu der Erkenntnis, dass auch zehn Jahre nach der Umsiedlung ein grosser Teil der Nubier vergangenheitsorientiert geblieben war. Sie sprechen von „den guten alten Tagen“, und viele möchten nach Altnubien zurückkehren. Inzwischen haben meist junge Leute diese Rückkehr gewagt und sich an den Ufern des Nasser-Sees angesiedelt. Bei vielen Nubiern haben paradoxerweise Umsiedlung und Emigration das Bewusstsein der „Nubianität“ gestärkt. Sie haben nicht vergessen, dass ihr Land als „gesegnet“ galt, Klima, Boden und Wasser als besser als anderswo im Niltal und ihre Dörfer als vorbildlich für Friedlichkeit, Sauberkeit, Ehrlichkeit und Sicherheit. Die Nubier, die in den Städten des Nordens arbeiten, haben sich stets mit ihren Arbeitgebern, den Ägyptern aus der Oberschicht und den Ausländern, identifiziert, nicht mit den Menschen aus dem Volk, denen sie Mangel an Sauberkeit, Anstand und Ehrlichkeit vorwerfen. Für die Emigranten der zweiten und der dritten Generation bleibt, neben den nostalgisch verklärten Erinnerungen der Alten, das Bewusstsein, einer Geschichte, Kultur und Sprachgemeinschaft anzugehören, auf die sie stolz sein dürfen. (22)

Landschaft am Nasser-See, (c) Elisabeth Hartung

Vom Schmerz der Trennung, vom Leiden an der Fremde (nubisch: Gurbar) und von der Sehnsucht nach der verlorenen Heimat handeln auch einige der Lieder, die Christa Laila Meryam gesammelt hat. Wer mag, kann hier eines dieser Lieder anhören (12, Nummer IX,2):

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In die Fremde gingen wir
die Freunde sind weit fort
um uns in die Arme zu nehmen (…)
Oh Dorf, mein Dorf
ich vermisse dich so sehr
oh Dorf, mein Dorf
ich verlasse dich mit Reue
im fremden Land erinnere ich mich an dich (…)
Oh Dorf, mein Dorf
glücklich, dir anzugehören
oh Dorf, mein Dorf.“

 

 

Fußnoten:

  1. Nubian Encounters - The Story of the Nubian Ethnological Survey 1961-1964, edited by Nicholas S. Hopkins and Sohair R. Mehanna, AUC Press, 2010, p. 8. Den hier publizierten Arbeiten eines internationalen Forschungsteams verdanken wir viele Fakten zum Leben der Nubier vor und nach den verschiedenen Eingriffen in ihren Lebensraum.
  2. Nubian Encounters, s. 1,, p. 176
  3. Haggag Hassan Oddoul: Nights of Musk - Stories from Old Nubia, tranlated by Anthony Calderbank, 2005, AUC Press, und My Uncle is in Labor!, translated by Ahmed Fathy Korany, Al-Hadara Publishing, Kairo 2008. Beide Bücher sind im arabischen Original bei Al-Hadara Publishing erschienen: ليالي المسك العتيقة und خالي جاءه المخاض
  4. Daniel Williams: Man Gets Pregnant, Shames Village in Fable About Drowned Nubia, Bloomberg.com am 07.01.09
  5. Zu Hassan Fathy vgl. die Arbeit: Der Architekt Hassan Fathy - ein Portrait in Worten und Bildern von Claudia Ali hier im Autorenforum.
  6. Man Gets Pregnant, s. 4.
  7. Naira Antoun: It’s not either/or, Egypt Independent am 31.01.2013
  8. Nights of Musk, s. 3.
  9. Je suis le Nil! - Interview mit Menha el-Batraoui, Al-Ahram Hebdo am 29.06.2011
  10. Margo Veillon: Nubia - Sketches, Notes and Photographs, AUC Press, 2004
  11. Nights of Musk, s. 3.
  12. Christa Laila Meryam Hatshebsut: Die Welt der 99 nubischen Lieder - World of 99 Nubian Songs - Dunya emillo wer damenil ow Nubi - عالم التسعة وتسعين أغنية نوبية, mit Audio-CD, Al-Hadara Publishing, Kairo 2/2012
  13. Vgl.: Nubian Ceremonial Life - Studies in Islamic Syncretism and Cultural Change, edited by John G. Kennedy, AUC Press 2/2005, chap. 5:  The Angels in the Nile. A Theme in Nubian Ritual und chap.6: Evil River Beings. Dass die Saïdis, die nördlichen Nachbarn der Nubier, ähnliche Glaubensvorstellungen kennen, zeigt die Arbeit von Elisabeth Hartung: Geister sind überall im Autorenforum hier auf dieser Website.
  14. Nights of Musk,, s. 3.
  15. Je suis le Nil!, s. 9.
  16. My Uncle is in Labor!, s. 3.
  17. Dass dieses Thema tabu ist, zeigt sich an der Tatsache, dass die Homosexualität im arabischen Original fast nie beim Namen genannt wird. Der Großvater sagt: „Nun ja, du weisst schon“, „loothy“, d.h. aus dem Volk der biblischen Stadt Gomorrha, und wo der Übersetzer „Lustknabe“ und „Strichjunge“ benutzt, heisst es im Original „Geliebter“ bzw. „Sohn der Unzucht“.
  18. Man Gets Pregnant, s. 4.
  19. Nights of Musk, s. 3.
  20. Nubian Encounters, s. 1.
  21. It’s not either/or, s. 7.
  22. Vgl. zu all diesen Fakten: Nubian Encounters, s. 1.

Haggag Hassan Oddoul: Nights of Musk - Stories from Old Nubia Margo Veillon: Nubia - Sketches, Notes  and Photographs Nubian Ceremonial Life - Studies in Islamic Syncretism and Cultural Change Christa Laila Meryam Hatshebsut: Die Welt der 99 nubischen Lieder Haggag Oddoul: My Uncle is in Labor Nubian Encounters - The Story of the Nubian Ethnological Survey 1961-1964

 

Ergänzungen der Redaktion:

Haggag Oddoul hat eine Facebook-Seite.

Farid Fadel mit einem jungen Nubier und seinem Gemälde von ihmDer Augenarzt, Musiker und Künstler Farid Fadel, von dem hier einige Illustrationen stammen, befasste sich in vielen seiner Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen mit der nubischen Kultur, s.a.: Farid Fadel: Searching for Nubia, 2010

 

 

 

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