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Leben in Luxor News: Neues in und um Luxor im November 2026
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Restitutionen & Ausstellungsverbot für Mumien: Museumsethik bekommt neue Richtlinien
01.11.26
Der Internationale Museumsrat (ICOM), das ist eine weltweite nichtstaatliche Organisation von Museen und Museumsfachleuten, die sich für die Erforschung, Bewahrung, Pflege und Vermittlung von Kulturerbe und Naturerbe einsetzt, feiert 2026 sein 80-jähriges Bestehen. Im Juni 2026 verabschiedete er in seiner 41. Ordentlichen Generalversammlung die Ethischen Richtlinien für Museen, den
ICOM Code of Ethics for Museums, in einer umfassend überarbeiteten Fassung. Es handelt sich um die erste große Revision seit 2004.
Kulturerbe wird in den Ethischen Richtlinien nun erstmalig als materiell, immateriell und digital verstanden. Neu oder verstärkt adressiert werden der verantwortungsvolle Einsatz digitaler Technologien und Medien. Die Richtlinien setzen sich mit der Rolle der Museen im Kolonialisierungsprozess auseinander, der Restitution und Rückgabe von Kunstwerken und der Provenienzforschung in Sammlungen. Hinzu kommen die Rechte indigener Gemeinschaften und ihre Zustimmung zur Ausstellung ihres kulturellen Erbes.
Ein Sprecher des ICOM-Rechtsausschusses gab an, zusätzlich einen separaten Satz von Rechtsrichtlinien zu entwickeln, der für alle ICOM-Mitglieder verbindlich sein und den neuen Kodex ergänzen wird.
Restitution von Kunstwerken:
Besonders interessant ist im neuen Ethik-Code der Umgang mit der Restitution von Kunstwerken. Während die alte Fassung von 2004 Restitutionen eher defensiv als juristischen Ausnahmefall behandelte, fordert der neue Codex von Museen eine proaktive, reparierende Haltung. Museen werden explizit dazu aufgefordert, vergangenes Unrecht anzuerkennen und aktiv bei der Heilung dieser historischen Wunden mitzuwirken. Der Code stärkt das Recht von Herkunftsgesellschaften und indigenen Gemeinschaften, ihr kulturelles Erbe zurückzufordern. Museen sollen diesen Prozess nicht blockieren, sondern zügig und verantwortungsvoll unterstützen. Sie sollen im Rahmen ihrer rechtlichen Spielräume proaktiv Lösungen (wie bilaterale Abkommen oder Eigentumsübertragungen) suchen, statt sich hinter bürokratischen Barrieren zu verschanzen. Die Deutungshoheit über koloniale Objekte liegt nun auch nicht mehr allein beim Museum. Entscheidungsprozesse, Ausstellungsdiskurse und die Erforschung der Herkunft müssen nun gemeinsam und partnerschaftlich mit den Ursprungsgemeinschaften stattfinden. Der neue Code entzieht dem klassischen Konzept des "Universalmuseums", das koloniale Raubgüter als "Erbe der Menschheit" verwahrt, die ethische Legitimation. Er zwingt Museen weltweit dazu, koloniale Sammlungen systematisch zu hinterfragen und Rückgaben als normalen, reinigenden Bestandteil moderner Museumsarbeit zu akzeptieren.
Konkrete Konsequenzen in Europa:
1. Öffentlich finanzierte Museen dürfen Eigentum des Staates nicht einfach verschenken oder wieder abgeben. Museen in Deutschland haben sich daher bei Fragen der Restitution in der Vergangenheit oft hinter dem Haushalts- und Stiftungsrecht versteckt. Träger wie Städte, Länder oder die Stiftung Preußischer Kulturbesitz müssen nun gemäß dem ICOM-Code aktiver rechtliche Sonderwege (wie Schenkungen oder Eigentumsübertragungen) schaffen, um den internationalen Museumsstatus nicht zu gefährden – ist das der letzte Stein, der die Rückgabe der Nofretete-Büste und anderer unschätzbarer Artefakte an Ägypten ins Rollen bringt?
2. Große ethnologische Museen (wie das Humboldt-Forum in Berlin oder das Linden-Museum in Stuttgart) dürfen nun Ausstellungen nicht mehr rein aus westlicher Sicht konzipieren. Herkunftsgesellschaften müssen von Anfang an bei der Konzeption, Beschriftung und Präsentation auf Augenhöhe einbezogen werden.
3. „Museen müssen die inhärente Würde menschlicher Überreste wahren und den Respekt für ihre Bedeutung fördern.“ Menschliche Überreste (z.B. Mumien!) oder sakrale Gegenstände in deutschen Depots müssen systematisch für die Rückgabe vorbereitet werden. Bis dahin gilt ein striktes Verbot, diese ohne explizite Zustimmung der Nachfahren auszustellen!
Zwei renommierte Museen in Glasgow, das Kelvingrove und das Hunterian Museum, haben bereits Konsequenzen gezogen und unmittelbar nach Verabschiedung des ICOM-Codes im Juni 2026 ihre ägyptischen Mumien aus der öffentlichen Ausstellung entfernt bzw. sie verhüllt. Die Begründung folgt dem ICOM-Code, der "free, prior and informed consent" fordert: Die vor Jahrtausenden verstorbenen Individuen konnten nie ihr Einverständnis geben, ausgestellt zu werden und verdienten Privatsphäre im Tod.
Im September 2026 entfernte das Manchester Museum die 2.700 Jahre alten mumifizierten Überreste einer Frau namens Asru, die in Theben West lebte und starb, nach mehr als 200 Jahren aus der öffentlichen Ausstellung. Der perfekt mumifizierte und in Leinenbinden gewickelte Leichnam von Asru wurde samt ihrer wunderbar gestalteten Särge in den früher 1800er Jahren von zwei Kaufleuten aus Manchester, deren Vater mit Sklavenhandel sein Geld machte, erworben. Im April 1825 spendeten sie Asrus Mumie an die Manchester Natural History Society, wo sie noch im selben Jahr ausgewickelt und in deren Museum zur Schau gestellt wurde. Nach der Schließung des Museums in den 1860er Jahren kam sie in die Ausstellung des Manchester Museum. Seit September liegt Asrus Mumie endlich wieder in ihrem verschlossenen äußeren Sarg abseits der Öffentlichkeit. Die Kuratoren erklärten, dass die Entscheidung den mutmaßlichen Wünschen von Asru entspricht. Die Menschen im alten Ägypten glaubten an ein Leben nach dem Tod. Damit ihre Reise ins Jenseits gelingen konnte, war ein perfekt erhaltener Körper absolute Notwendigkeit. Sie wollten deshalb, dass ihre Körper einbalsamiert und in Leinenbinden gewickelt in mit Segenssprüchen verzierten Särgen geschützt blieben und mit maximaler Intimität und Geheimhaltung bestattet wurden. Das Manchester Museum prüft derzeit, ob Asrus Mumie dauerhaft im Depot verbleibt, ein privater Raum für stilles Gedenken eingerichtet wird oder ob eine Rückkehr nach Ägypten infrage kommt.
Das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst (SMAEK) in München zeigt schon seit seinem Umzug in einen unterirdischen Neubau im Juni 2013 konsequent keine offen liegenden menschlichen Mumien mehr in seiner Dauerausstellung. Die einzige menschliche Mumie, die noch zu sehen ist, ist eine vollständig und unversehrt eingewickelte Kindermumie aus der Römerzeit. Da ihre Hülle komplett geschlossen ist und ein aufgemaltes Mumienporträt das Gesicht bedeckt, bleiben die menschlichen Überreste selbst vollständig ungesehen, wodurch das Museum die ethischen Richtlinien gewahrt sieht.
Vielen gefallen diese unpopulären Entscheidungen nicht. Den Museen wird vorgeworfen, Geschichte zu verstecken. Dem entgegnet Marwa Elhosary, Forscherin für ägyptisches Kulturerbe und Museologie an der University of York als ägyptische Frau: "We don't need to display the body to tell its story."
Realität in Ägypten:
Auch Ägypten ist ICOM-Mitglied, doch es verfolgt bisher eine eigene Strategie.
Ägypten entfernt seine Mumien nicht aus Museen, sondern inszeniert sie stolz als nationale Vorfahren und staatsmännische Herrscher. Mit der spektakulären Pharaohs' Golden Parade wurden 22 königliche Mumien medienwirksam in das Nationalmuseum der ägyptischen Zivilisation (NMEC) verlegt.
Dort werden sie nun in der eigens dafür gestalteten Royal Mummies' Hall präsentiert, die abgedunkelt, still und intim gestaltet ist. Besucher sollen das Gefühl haben, ein Grab zu betreten, statt eine wissenschaftliche Vitrine zu betrachten. Es herrscht ein absolutes Verbot für Fotos und Videos. Jede Mumie wird als historisches Individuum gewürdigt. Neben dem Körper sind die CT-Scans, die Lebensgeschichte des Pharaos sowie seine originalen Grabbeigaben ausgestellt. Der Fokus liegt auf der Leistung seines Lebens und der religiösen Bedeutung seiner Bestattung.
Im Unterschied dazu verletzt die Art und Weise, wie Tutanchamuns Mumie in seinem Grab (KV62) im Tal der Könige präsentiert wird – nur zum Teil bedeckt, unter Festbeleuchtung in einer modernen Glasvitrine – eindeutig die Intimsphäre des Toten, und jeder Besucher wird zwangsläufig zum Voyeur. Eine Lösung wäre es, Tutanchamun wieder in den Sarkophag in seinem Grab zu legen, eine andere, wenigstens die Beleuchtung durch gedimmtes Licht zu ersetzen und den ganzen Körper, auch sein Gesicht, mit historisch adäquaten Leinentüchern zu bedecken. Doch obwohl das MoTA durch den neuen ICOM Code of Ethics international unter Druck steht, blockiert die wirtschaftliche Realität diese humanen Reformen. Tutanchamuns Grab ist die umsatzstärkste Einnahmequelle im Tal der Könige. Die Angst, dass Touristen wegbleiben, wenn sie den "echten" König nicht mehr sehen können, wiegt für die Behörden derzeit noch schwerer als die ethischen Bedenken der Kritiker ...

Foto aus: Janos Verebics - ICOM’s Ethical Turn in 2026

ICOM-Mitglieder 2025, Foto von der ICOM-Website



