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Autorenforum: Ägypten verstehen - ein etwas anderer Sprachkurs, Teil 5:
Präsident, rechts anhalten, bitte! - يا ريّس

von Hans Mauritz (Juni 2014)

illustriert von Claudia Ali

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Coffeeshop mit Sisi-Plakaten in Qurna, Luxor Westbank, (c) Claudia Ali

Das hocharabische Wort الرئيس „al-ra’îs“ bedeutet Oberhaupt, Führer, Chef, Präsident. Es ist der offizielle Titel des Staatsoberhauptes in vielen arabischen Ländern. Das Wort gehört zur selben Familie wie الرأس „al-râs“, das Kopf, Haupt, Oberhaupt, Spitze, Gipfel bedeutet. Viele europäische Sprachen geben ihrem Staatsoberhaupt den aus dem Lateinischen entliehenen Titel „Präsident“, was, wörtlich übersetzt, ganz bescheiden „Vorsitzender“ heisst. Die arabische Sprache benutzt dagegen einen Titel, der betont, dass sein Träger Kopf, Oberhaupt, Führer des Staates ist. In der Tat verfügten alle ägyptischen Präsidenten - vor der Wahl von Mohammed Morsi allesamt hohe Militärs - über eine fast unbeschränkte Macht, die sie selbstherrlich und oft diktatorisch ausüben konnten. Während ihrer Herrschaft war die freie Meinungsäußerung eingeschränkt und Oppositionelle riskierten, im Gefängnis zu landen. Präsidenten wurden von den einen gehasst und gefürchtet, von den anderen aber fast abgöttisch verehrt. Gamâl Abdel Nasser, selbst Oberägypter, wird im Sa’id auch heute noch heiß geliebt, weil er den kleinen Bauern Land zugeteilt und durch den kostenlosen Schulbesuch sozialen Aufstieg ermöglicht hat. Anwar al-Sadât wird vor allem von den Neureichen der Mittel- und Oberschicht verehrt, weil er ihnen durch seine Politik der wirtschaftlichen Öffnung, „al-infitâh“, den Weg zu schnellem Reichtum geebnet hat. Aus verständlichen Gründen halten sich die Verehrer der Präsidenten Mubarak und Morsi heute meist bedeckt. Um die Person ihres Nachfolgers ʿAbd al-Fattāh al-Sīsī ist dagegen seit geraumer Zeit eine regelrechte „Sisimanie“ inszeniert worden. Seine Anhänger, so scheint es, trauen ihm zu, wie mit einem Zauberstab alle Probleme des Landes zu lösen.

Wer die Machtfülle und das Prestige der ägyptischen Präsidenten kennt, wird sich wundern, dass die umgangssprachliche Variante des Titels, nämlich ال ريّس „al-rayyis“, in einer Weise benutzt wird, die man kaum erwarten dürfte. Wer in Luxor das öffentliche Verkehrsmittel, nämlich den Minibus oder den alten kastenförmigen „kabôt“ benutzt, weiß, dass die meisten Passagiere den Fahrer mit „ya rayyis“ ansprechen. Wenn ich ihm den Fahrpreis hinreiche, sage ich „itfaddal, ya rayyis“, und wenn ich aussteigen möchte, rufe ich wie alle anderen: „‘ala yamînak, ya rayyes“, „rechts anhalten, Präsident“. Dieser Titel ist nicht unberechtigt, denn der Fahrer ist ja tatsächlich Kopf und Anfüher dieser Fahrt durch die Dörfer der Westbank oder die Straßen von Luxor. Wer lange genug hier unten lebt, weiss aber, dass eine solche Anrede mit der ägyptischen Vorliebe für übertriebene Komplimente, spielerische Umgangsrituale und für Humor in allen Lebenslagen zu tun hat.

Typischer Minibus, Luxor Westbank, (c) Claudia Ali

Bevor in Ägypten nach der Revolution von 1952 Präsidenten die Macht übernahmen, übte sie der König mit Adligen und hohen Beamten aus, die mit Pascha angeredet wurden. Auch dieser Titel hat seine Funktion geändert. Gelegentlich kann er zwar Respekt ausdrücken, wenn z.B. ein Automobilist grüßend an einem Polizisten vorbeifährt und hofft, er komme so ohne Kontrolle, Buße oder Bakschisch davon. Meistens aber ist يا باشا „ya basha“ zu einer Anrede unter Freunden und Bekannten geworden, die Vertrautheit mit einer Portion Humor vermischt. Schon 18jährige Burschen sprechen sich so an, weil schon sie sich die typisch ägyptische Mischung aus Überschwang und Spaß zu eigen machen. Während man also „ya basha“ besser nicht zu einem Unbekannten oder einem Höhergestellten sagt, ist dies bei der Anrede يا باشمهندس „ya bashmohandis“ durchaus erlaubt. Sie bedeutet in etwa „Herr Oberingenieur“ und mit ihr drückt man Respekt und Höflichkeit aus. Wenn ich Sie, lieber Leser, mit „ya bashmohandis“ anrede, betone ich, dass Sie nicht nur feiner, adliger Abstammung sind, sondern als Ingenieur auch über eine besondere berufliche Qualifikation verfügen.

Was für „ya basha“ gilt, stimmt auch für das beliebte يا مدير „ya mudîr“. Als Berufbezeichnung meint das Wort „den, der etwas zum Funktionieren bringt“, d.h. den Direktor, Manager, Verwalter oder Leiter einer Abteilung, einer Firma oder eines Unternehmens. Als Titel dagegen hat der Ausdruck seine Würde eingebüßt, weil auch „ya mudîr“ meist unter vertrauten Freunden spaßhaft und ironisch angewandt wird.

Wenn ich im Minibus nicht zuvorderst sitze, muss ich den Passagier vor mir bitten, meine Münze nach vorn zu reichen, damit sie der Fahrer in Empfang nehmen kann. Wenn ich ihn nicht einfach an der Schulter berühren will, brauche ich eine Anrede. Weil ich höflich sein will - zu höflich, wie es Ägypter nun mal gerne sind - entscheide ich mich für يا أستاذ „ya ustäz“. Diese Anrede bedeutet „Herr Professor“, wird vor allem auch gebraucht, wenn man sich an einen Gebildeten oder einen Künstler wendet und ist in Ägypten auch der Titel, mit dem die Kinder in der Schule ihren Lehrer anreden. Die typisch ägyptische Überschwenglichkeit hat zur Folge, dass man im höflichen Umgang „ya ustäz“ für jeden Gesprächspartner benutzen kann, ohne dass der andere darin unangebrachte Vertrautheit oder Ironie vermutet. Ist der Passagier vor mir ein alter Mann, rede ich ihn mit يا حاجّ „ya hâgg“ an, d.h. mit dem Titel, der Männern gebührt, welche die Pilgerreise nach Mekka zurückgelegt haben. Da man annimmt, dass alte Menschen nicht nur über reiche Lebenserfahrung verfügen, sondern auch über Weisheit in weltlichen und geistlichen Dingen, ist diese Anrede durchaus angebracht.

Ägypter mit einer Gebetsmütze (Chachia), Luxor Westbank, (c) Claudia Ali

Ist der Passagier vor mir eine Frau, wird die Sache leichter: يا مدام „ya madâm“ ist heute die verbreitete Anrede für verheiratete Frauen und verdrängt das volkstümliche „ya sitt“ mehr und mehr. Wenn meine Sitznachbarin ein junges Mädchen ist, benutze ich يا أبله „ya abla“, ein Wort, das ursprünglich „große Schwester“ meint und speziell als Anrede für die Lehrerin benutzt wird. In Oberägypten ist dies heute die normale Bezeichnung für ein Fräulein. Wenn ich aber das junge Mädchen besonders charmant finde und dies auf eine erlaubte, unverfängliche Weise ausdrücken will, sage ich يا مداموازيل „ya mademoiselle“, in der Hoffnung, dass die so Angesprochene sich darüber freuen wird.

Unsere Ausführungen zu „rayyes“, „bâscha“ und „mudîr“ zeigen, dass die Ägypter sich auf ironische Weise an den Reichen, Mächtigen und Arroganten rächen, indem sie ihre Titel auf eine Weise „missbrauchen“, welche diese Personen von ihrem Sockel holt. Ägypten dürfte so das einzige Land der Welt sein, in welchem auch der Ärmste und Niedrigste Direktor, Pascha oder Präsident sein kann. Die Frauen freilich müssen sich mit etwas weniger zufrieden geben. Immerhin, wenn man sie mit „ya Madâm“ oder „ya madâmuâzîl“ anspricht, fällt auch auf sie ein Schimmer von französischer Eleganz.

 

 

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