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Autorenforum: Ägypten verstehen - ein etwas anderer Sprachkurs, Teil 6:
Wissen ist Licht - العلم نور al-‘ilm nûr

von Hans Mauritz (August 2014)

illustriert von Claudia Ali

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© Tawfik W. Dajani's World
© Tawfik W. Dajani's World

Das Substantiv علم ’ilm bedeutet „Wissen, Kenntnis, Kunde, Erkenntnis, Wissenschaft“. In Zusammenhang mit einem zweiten Substantiv, das es näher bestimmt, bildet es die Bezeichnung für alle Fächer, die man an der Universität studieren kann: So etwa meint علم الحياة ( ‘ilm al-hayâh) die Wissenschaft des Lebens, d.h. die Biologie, علم النفس (‘ilm al-nafs) die Wissenschaft der Seele, d.h. die Psychologie, علم الاثار (’ilm al-athâr) die Wissenschaft der Altertümer, d.h. die Archäologie. Im Plural meint العلوم (al-’ulûm) die Naturwissenschaften. Dass Wissen und Wissenschaft hoch angesehen sind, zeigen zahlreiche Redensarten und Sprichwörter. Im Gegensatz zu Wissen ist Macht“, einer Formulierung, die auf den englischen Philosophen Francis Bacon (1561-1626) zurückgeht und im Deutschen wie im Englischen ein geflügeltes Wort geworden ist, sagt man in Ägypten العلم نور (al-’ilm nûr) „Wissen ist Licht“. Dieser Gegensatz, so scheint mir, sagt viel darüber aus, wie man im Westen und im Orient die Welt sieht. Ein anderes Sprichwort lautet العلم في كل زمن له قيمة وتمن (al-‘ilm fi kulli zaman luh qîma we-taman) „das Wissen hat jederzeit Wert und Preis“. Wenn man ihm etwas Erstaunliches erzählt, fragt der Ägypter skeptisch: ده حلم ولا علم ؟ (da hilm walâ ’ilm?) „ist das geträumt oder beruht das auf Wissen und Kenntnis?“ Wie andere Wörter desselben Stammes steht علم oft in Beziehung zu Gott: العلم عند الله’ al-ilm ’and Allah, „das Wissen ist bei Gott“, „Gott allein kann das wissen“.

Vom Stamm ع ل م bildet man mehrere Verben, die eine Fülle von Bedeutungen haben. Das Grundverb علم ‘alima heißt „wissen, kennen, erfahren“. علّم ’allama „zum Wissen bringen“, d.h. „lehren, unterrichten“. أعلم a’alama meint „jemand etwas wissen lassen, benachrichtigen, informieren“, تعلّم ta’allama, ägyptisch اتعلّم et’allam „lernen, studieren“, استعلم ist’alama “sich erkundigen, nachforschen, sich informieren“. Auch diese Verben tauchen in Sprichwörtern auf, von denen einige an deutsche Redensarten erinnern: ألخسارة تعلّم الشطارة (al-khusâra te’allam al-shatâra) „aus Schaden wird man klug“, للي يتعلم في صغره يشوف الخير في كبره (illi yet’allam fi sughruh, yeshûf al-khîr fi kubruh) „wer in seiner Kindheit lernt, sieht das Gute im Erwachsenenalter“, was in etwa unserem „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ entspricht. Das Verb علم dient auch dazu, einer Aussage durch Schwören bei Gott Gewicht zu geben: يعلم الله انّي بحبك ye’alim Allah inni bahibbak! „Gott weiß, dass ich dich liebe!“

Den Verben dieses Wortstamms entsprechen zahlreiche Substantive, Partizipien und Adjektive. Sie bedeuten u.a. „Zeichen, Kennzeichen, Merkmal, Symptom, Indiz, Marke; Fahne, Flagge; Unterricht, Lehre, Ausbildung, Vorschrift; Information, Auskunft, Nachforschung; Gelehrter, Experte, Connaisseur, Koryphäe, prominent; vertraut mit etwas, informiert, gebildet, ausgebildet; bekannt, notorisch“. Manche Bezeichnungen werden vor allem oder ausschließlich auf Gott angewendet. So der Superlativ اعلم a’lam (wissender, besser informiert, gelehrter). الله اعلم heißt „Gott weiß es am besten“. العليم al-‘alîm „der Allwissende“ , ist ein Epithet, das allein Gott zusteht, und Gott allein nennt man علّام الغيوب ’allâm al-ghiyûb „den Kenner des Unbekannten“. Das Substantiv معلّم dient, „mi’allim“ ausgesprochen, als Anrede an einen Handwerksmeister oder einen kleinen Ladenbesitzer. Spricht man es „mu’allim“ aus, ist es ein Synonym zu مدرّس mudarris und heißt „Lehrer“. Ein ägyptisches Sprichwort betont, dass lebenslanges Lernen selbst für den Lehrer gilt: يموت المعلّم وهو يتعلّم (yemût al-mu’allim we-hua yet’allam) „der Lehrer stirbt, während er lernt“, d.h. auch am Ende seines Lebens hat er immer noch etwas zu lernen.

© Tawfik W. Dajani's World
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Wir sind nicht kompetent genug, um zu entscheiden, ob auch das Wort عالم ’âlim „die Welt, das Universum“ zu unserem Bedeutungsfeld gehört. Einige Wörterbücher ordnen es der Wortfamilie „wissen“ bei, andere trennen es davon. Die Idee, dass die Welt etwas ist, das man kennen, erkennen, erfahren und wissenschaftlich erforschen kann - im Gegensatz zu allem Dunklen und Unheimlichen, das auch noch existiert - hat etwas Verführerisches.

Das Gegenteil von علم alima „wissen, kennen“ lautet جهل gahila „unwissend, töricht sein, etwas verkennen“ und جاهل gâhila „ignorieren, nichts wissen wollen, sich dumm stellen, die Augen schließen vor etwas“. Das entsprechende Adjektiv lautet جاهل gâhil „unwissend, töricht, dumm“. Davon abgeleitet ist الجاهليّة al-gâhiliya, die Zeit der Unwissenheit und Torheit, d.h. die vorislamische Zeit, welcher das echte Wissen noch nicht offenbart worden war. Die Moslems beurteilen die „heidnische“ Zeit vor dem Islam ähnlich wie in Europa Renaissance und Aufklärung das „finstere, barbarische“ Mittelalter abqualifiziert haben.

Die Fülle der Vokabeln und der Bedeutungen zeigt, welchen Wert die arabische Sprache dem Lernen und Wissen, der Kenntnis, Erkenntnis und Wissenschaft zumisst. Diese Wertschätzung wird betont dadurch, dass علم und die davon abgeleiteten Begriffe immer wieder in den Zusammenhang mit Gott gebracht werden. Über Wissen verfügen die Anhänger der offenbarten Religionen, während Unkenntnis und Torheit Kennzeichen der Heiden sind. Das Bedeutungsfeld „lernen, wissen, erforschen“ straft jene Lügen, die den Orient auf das Zerrbild einer obskurantistischen, „islamistischen“ Ideologie reduzieren, welche angeblich Lernen, Erkennen, Erforschen verurteilt. Eine solche Ideologie hat wohl mit dem wahren Islam nur wenig gemein.

Wahr ist freilich, dass Lernen, Forschen und Wissen im heutigen Ägypten vor allem den Kindern der Reichen vorbehalten ist, die ausländische Kindergärten, Schulen, Gymnasien und Universitäten besuchen. Dies liegt sicherlich an den Mängeln des öffentlichen Schulwesens, aber auch an einer Tradition, die vor allem auf das Memorieren zentriert ist. Der Fremde, der in Oberägypten lebt, wundert sich, dass dort, wo wir von „Lernen“ sprechen würden, weniger das Verb اتعلم gebraucht wird, sehr häufig aber ذاكر zâkir, was „sich einprägen, auswendig lernen, den Stoff noch einmal durchgehen, büffeln“ heißt. Wen seine Schritte an einer Schule vorbei führen, hört die Schüler im Chor nachsprechen, was der Lehrer vorspricht. Dasselbe geschieht schon in Kindergärten und Koranschulen. Diese Methode kann zu erstaunlichen Ergebnissen führen. Ich kenne in meinem Dorf ein 14jähriges Mädchen, das den ganzen Koran auswendig hersagen kann. Sie ist eine von den Schülern, die Jahr für Jahr von al-Azhar nach Kairo eingeladen und prämiert werden. Gegen solches Lernen ist nichts einzuwenden, solange es nicht exklusiv praktiziert wird. Gefährlich wird es, wenn Lernen nur noch Memorieren heisst und nicht auch Fragen, Hinterfragen. Die Vorherrschaft des Auswendiglernens und Nachsprechens setzt sich bis hinauf an die Hochschulen fort. Wir Fremden wundern uns, dass manche Studenten die meiste Zeit des Jahres bei ihren Familien sind und den Vätern bei der Feldarbeit helfen. Möglich macht dies vor allem die folgende Besonderheit: Die Dozenten, vom Staat bescheiden bezahlt, bessern ihr Gehalt auf, indem sie ihre Vorlesung als Skript publizieren und ihre Studenten zwingen, es zu kaufen. Wer sein Examen bestehen will, tut gut daran, sich in den Prüfungen exakt an seinen Wortlaut zu halten. Wer ein solches Skript erwirbt und auswendig lernt, kann gut und gerne den Vorlesungen fern bleiben, um die Ausgaben für das Leben in der Universitätsstadt zu sparen und daheim in der Landwirtschaft mitzuhelfen. Freilich kann aus einer solchen Art des Studierens ein Mangel an intellektueller Neugierde resultieren, ein Defizit, das nur schwer gutzumachen ist. Ein Bekannter, der an der Deutschen Universität in Kairo Physik doziert, hat mir geschildert, wie mühsam es sein kann, ägyptische Studenten so weit zu bringen, dass sie nicht einfach akzeptieren, was der Professor sagt, und nachsprechen und auswendig lernen, was sie hören und lesen, sondern Behauptungen kritisch hinterfragen. Ein solches „aufklärerisches“ Verhalten aber wäre wohl nötig, wenn des Licht des Wissens und der Wissenschaft erstrahlen soll.

© Tawfik W. Dajani's World
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