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Autorenforum: Ägypten verstehen - ein etwas anderer Sprachkurs, Teil 1:
كريم karîm - großzügig und edel

von Hans Mauritz (Februar 2014)

illustriert von Claudia Ali

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Opfertischszene aus dem Grab von Nacht in Scheich Abd el-Qurna von Norman de Garis Davies, 1917
Szene aus dem Grab von Nacht von Norman de Garis Davies, 1917

Um das Wort „karîm“ in all seinen Bedeutungsnuancen zu übersetzen, braucht man im Deutschen Dutzende von Adjektiven:

1. Im zwischenmenschlichen Verhalten bedeutet „karîm“: großzügig, freigebig, gütig, wohltätig, gastfreundlich.

2. Wer „karîm“ ist, verhält sich nicht nur vorbildlich, sondern legt Zeugnis ab von seinem Wesen, denn das Wort bedeutet ebenfalls: rechtschaffen, ehrenwert, freundlich, vornehm, ritterlich, von edlem Charakter und nobler Abstammung.

3. Wenn man von einem Schriftsteller spricht, heisst „karîm“: berühmt, bedeutend. Auch der Leser wird so angesprochen: „werter, freundlicher Leser“. Und wenn man nicht weiss, wie jemand heißt, fragt man auch im Arabischen höflich nach seinem „werten Namen“.

4. Spricht man von Gegenständen, heisst „karîm“: kostbar, wertvoll. Das Adjektiv bezeichnet Edelsteine, edle Mineralien und sogar das Vollblutpferd.

5. Die Bedeutungen reichen sogar in den sakralen Raum hinein: erhaben, ehrwürdig, heilig. Als „karîm“ wird der Koran bezeichnet, und Nachbarn und Freunden wünscht man Jahr für Jahr „Ramadân karîm“. Die Stadt Mekka hat den Beinamen „al-makarrama“, die „Geweihte“. Die Wundertaten von Heiligen werden als „karâmât“ bezeichnet, und „al-karîmân“ meinen die beiden edlen Pflichten des Moslems: die Teilnahme am „heiligen Krieg“ und die Pilgerreise nach Mekka.

6. „al-karîm“ ist einer der 99 Namen Allahs. Deshalb gehören Karîm (eigentlich Abdelkarîm = der Diener des gnädigen Gottes) und Karîma zu den beliebtesten Namen.

Ramadan Karim - Kalligraphie
Arabische Kalligraphie "Ramadân karîm"

Wer diese Bedeutungsvielfalt kennt, wird sich nicht wundern, dass Großzügigkeit und würdiges, ehrenhaftes Verhalten im ägyptischen Alltag einen besonderen Platz einnehmen. Der Fremde, der hier lebt, muss sich an Dinge gewöhnen, die ihm zunächst seltsam vorkommen. Wenn er auf dem Markt einkaufen geht, wird sein Wunsch nach einem Pfund Orangen oder Tomaten oft mit ungläubigem Lächeln quittiert. Ein Ägypter, eine Ägypterin kaufen selten weniger als fünf Kilo, auch wenn sie soviel gar nicht brauchen und manches davon im Abfall landet. Wer spazieren geht und an Unbekannten vorbeikommt, die auf der Strasse vor dem Haus sitzen, wird mit einem Lächeln und „itfaddal“ angesprochen, d.h.: „Bitte sehr, setz dich zu uns, trink Tee mit uns, nimm von dem, was wir gerade essen.“ Wer in einer Familie zu Gast ist, tut gut daran, nichts von allem, was er sieht, allzusehr zu bewundern: Er riskiert, dass man ihm bei seinem Abschied das Gelobte als Geschenk überreicht. Wer den Taxifahrer oder den Händler im Laden bezahlen will, kann erleben, dass dieser sich weigert, das Geld anzunehmen: „Bitte, lass es gut sein, behalte das Geld!“ Nicht alle Fremden verstehen, dass dies zu einem spielerischen Zeremoniell gehört und nicht ganz wörtlich gemeint ist: Der Ägypter weigert sich zum Schein, er will, dass man ihm das Geld aufdrängt, denn so beweist er seine Großzügigkeit, seine „noblesse d’âme“, seine Verachtung für materiellen Gewinn. Ein Bekannter aus der Schweiz, unter Freunden für seinen Geiz bekannt, kam auf diese Weise zu seiner Sternstunde: Er lächelte dankbar und steckte das teure Geschenk , das er soeben erstanden hatte, zufrieden ein.

Dieselbe Großzügigkeit, die er zur Schau trägt, verlangt der Ägypter auch von uns. Als ich in die Schweiz zurückfuhr, bat mich eine alte Frau einmal, für ihren Sohn in der Schweiz ein Geschenk mitzunehmen. Was sie mir dann überreichte, hätte meinen ganzen grossen Koffer ausgefüllt. Hat sie verstanden, warum der Fremde wegen einer solchen Kleinigkeit so eine saure Miene machte? Wer einen Ägypter einlädt in ein Restaurant, wird staunen: Er bestellt eine Unmenge von Gerichten, probiert von allen wenige Bissen und lässt den Rest auf den Tellern liegen. Diese Beispiele beweisen, dass Großzügigkeit auf der ägyptischen Werteskala ganz oben steht, wobei der Übergang zu Verschwendung und Protzerei fließend sein kann. Vieles ist schöner Schein, Höflichkeit und weltmännischer Gestus. Wer „karam“ an den Tag legt, d.h. „Großzügigkeit, Freigebigkeit, Edelmut“, besitzt auch „karâma“, nämlich „Würde, Ehre und Prestige“.

Europäer haben manchmal mit diesem Verhalten ihre liebe Müh und Not. Frauen, die mit einem Ägypter verheiratet sind, müssen manches lernen und akzeptieren. So beklagt sich Manuela, dass ihr Partner Verwandte, Freunde und Nachbarn großzügig unterstützt, von ihrem Geld, wie sie vermutet. Er sei einfach zu gutmütig und lasse sich ausnutzen. Weil er als würdevoller großer Herr gelten will, offeriert er im Ramadan Abend für Abend ein Essen für die Männer des Dorfes. Als sein Vater stirbt, verteilt er einen Teil des Erbes, denn solches Tun gilt als großzügig, vornehm, edel und würdig, verkörpert also alle Bedeutungen, die das Wort „karîm“ abdeckt.

Arabische Kalligraphie des Namens " Karim/Kareem" von Nihad Nadam
Arabische Kalligraphie des Namens " Karim/Kareem" von Nihad Nadam

Die Rolle der Großzügigkeit im Leben der Ägypter kann zur Folge haben, dass wir Fremde manchmal kleinlich, wenn nicht geizig wirken. Ägypter wundern sich, dass wir mit Geschenken anders umgehen als sie. Über die kleine Tafel Schokolade, das Blumensträußchen, das wir mitbringen, mögen sie wohl manchmal heimlich lächeln.

Natürlich gibt es unter den Fremden, die hier leben, Menschen, die ausgesprochen großzügig, wohltätig und gütig sind. Ein Gast, ein Freund aus Europa, kann eine ganze Familie aus dem Elend retten. Es gibt Europäer, die Lehrwerkstätten und Hilfswerke gründen, um Armen, Kranken und Behinderten zu helfen. Andererseits scheint aber Ägypten eine gewisse Anziehungskraft auf ganz andere Menschen auszuüben. Da der Wechselkurs günstig und die Lebenskosten niedrig sind, kommen auch Leute, die hier ihre Leidenschaft, den Geiz, ausleben. Dieser kann absurde Ausmaße annehmen und zu Geschichten führen, die als Anekdoten im Dorf kursieren. Mit ihrer ägyptischen Schwägerin ist Hanna dabei, die Fähre nach Luxor zu besteigen. Als die Schwägerin keine Anstalten macht, ihr Portemonnaie zu zücken, fährt Hanna sie an: „Glaub nur nicht, dass ich für dich bezahle!“ Das Ticket für die Überfahrt kostet kaum mehr als drei Cent! Eine andere Touristin, Astrid, hat Reisepass und Geldbörse im Taxi liegen lassen. Ihre Verzweiflung ist verständlich. Sie hat Glück: Der Taxifahrer kreist so lange in Luxor herum, bis er die Touristin sichtet. Nicole überreicht ihm „großzügig“ fünf ägyptische Pfund, was etwa 50 Cent entspricht! Natürlich weiss sie nicht, welchen Rang „al-kuramâ‘“ (die großzügigen, Edlen und Würdevollen) einnehmen und wie sehr man „al-bukhalâ‘“ (die Geizigen) verlacht. Vielleicht kann unser kleiner „Sprachkurs“ dazu beitragen, Missverständnisse zu vermeiden und Verständigung, nicht nur rein sprachlich, zu verbessern.

 

 

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